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Hüttel's Museum   Drucken 
Musikwerke in privater Sammlung

Vorstellen des ersten und umfangreichsten Privatmuseums von Musikwerken in den neuen Bundesländern
von Dr.phil.Mag.phil. Beate Hiltner-Hennenberg

Wohlhausen bei Markneukirchen

Das malerische Städtchen Wohlhausen befindet sich nahe bei Markneukirchen, jener Stadt in der ehemaligen Amtshauptmannschaft Oelsnitz der sächsischen Kreishauptmannschaft Zwickau. Nur vier Kilometer sind es bis zur böhmischen Grenze. Bereits im Neuen Konversationslexikon von F. A. Brockhaus aus dem Jahre 1908 lobte man die günstige Lage der offenen und kommunikativen Gegend, welche sich an der Linie Chemnitz-Aue-Adorf der Sächsischen Staatsbahnen befand. Es scheint, als ginge es - in dieser Hinsicht - rückwärts, denn die Bahn hält seit wenigen Jahren leider nicht mehr in Markneukirchen. Markneukirchen konnte damals nichts weniger als den Sitz eines Amtsgerichtes, einer Reichsbanknebenstelle und Konsularagentur der Vereinigten Staaten aufweisen! Neben einer Standardausrüstung wie dem Postamt erster Klasse, Sparkasse, Wasserleitung, Gasbeleuchtung und dem Telegraphenamt wartete die Stadt weiterhin mit einer Fachschule für Musikinstrumentenbauer sowie einer Musikvorschule auf. Es gab das namhafte Gewerbemuseum mit der Sammlung alter Musikinstrumente. Hervorgehoben hatte sich Markneukirchen zeitig mit der Fabrikation von Musikinstrumenten, von Saiten und Instrumententeilen aller Art, deren Versand zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon auf ca. 10 Millionen Mark geschätzt wurde.

Hier ließen sich auch in den folgenden Dekaden gerne Familien nieder, die sich zum einen von jenem geschichtsträchtigen Gebiet begeistern ließen, zum anderen von der Musikliebe der Einheimischen. Schon seit dem 11. Jahrhundert war Vogtland der Name für die Reichsdomänen an der oberen Elster und Saale, welche die deutschen kunst- und musikliebenden Könige durch Vögte verwalten ließen. Um 1122 erhielt Heinrich der Fromme aus dem Hause Gleißberg die Vogteien Weida und Gera, mit denen seine Nachfolger die Vogteien Greiz, Plauen und Hof vereinigten. Bereits aus dieser Zeit ist die Musikpflege dokumentiert.



Wie gründet man ein Museum?

Auch der Betreiber und Eigentümer des Museums, Wolfgang Hüttel, ist Musiker und Musikfreund aus ganzem Herzen. Er, aus Wohlhausen gebürtig, und seine Frau, welche die Führungen im Museum leitet, lernten sich in Markneukirchen kennen, wo beide den Beruf der Instrumentenbauer erlernten. Er den des Saiten- und Zupfinstrumentenbauers, sie fertigte Akkordeons und sind stolz darauf, die Instrumente nicht nur auszustellen, sondern jedes auch spielen zu können.

Hüttels Musikwerk-Ausstellung (08258 Wohlhausen, Hauptstraße 10, Tel. 037422/ 2069, täglich zwischen 9.00 und 18.00 geöffnet) wurde 1980 eröffnet. Ihr zuvor waren intensive Gedanken und Wunschträume des ehemaligen Markneukirchner Lehrlings Hüttel gegangen, der sich - anläßlich des Pflichtbesuches des Kollektivs der angehenden Meister - von den raren Musikwerken des Musikinstrumenten-Museums in Markneukirchen verzaubern ließ. Zunächst fragte er in den Nachbarorten nach auf dem Boden stehenden und ausrangierbaren Musikwerken nach, die er erwerben und reparieren wollte. Das größte Hindernis an der Aktion war das Untermietsverhältnis, denn wo sollte er mit den Apparaturen hin? Zahlreiche ältere Mitbürger waren froh, sich von den platzraubenden Staubfängern zu trennen.



Das Team

In den 1970er Jahren konnte sich Hüttel in seinem Heimatort Wohlhausen ein Haus bauen, seine Frau blieb bald darauf zu Hause, da sie ein Kind erwartete. Zunächst arbeitete sie in Heimarbeit, doch bald kam sie immer weniger dazu, da sie alle Hände voll zu tun hatte mit dem wachsenden Museum. Siebzig Instrumente wollen gepflegt, restauriert, gewartet und gespielt sein. Sie schwärmt während ihres Vortrages von jenen Zeiten, wo Schulklassen, Mitglieder der Armee, die in diesem abgeschiedenen Fleckchen die schönsten Ferienorte besaßen, Jugendbrigaden wie auch Seniorengruppen durch das Museum "geschleust" wurden. Da war die Stimmung unbeschreiblich!



Der Bestand

Zunächst steht der Betrachter vor einem Schrank mit kleineren Musikwerken, wie sie in Spieluhren anzutreffen sind, Rothenkirchner und Klingenthaler Fabrikate. Schon hier, während der ersten Etappe der Ausstellung, fällt der Satz, daß diese historische Liebhaberstücke wurden, da die Fabriken eingegangen sind, da die Liebhaber sich nach der Wende auf Schweizerische Werke stürzten.

Neben den mechanischen Zithern (Mandolinenzither, Baujahr 1912, Leipzig; Spieluhr, Baujahr 1890, Schweiz und Libelion, Baujahr 1902, Rudolstadt), welche sofort Ländlerseligkeit und Polkaklang in die Räume bringen, fällt der Blick sofort auf das



Orchestrion.

Das Exponat entspricht im Aufbau noch grob jenem Instrument, wie es 1797 durch Abt Vogler für Kirchenorgeln erdacht wurde. Das korrekt benannte Tanz-Orchestrion (Baujahr 1926, Leipzig) wurde von der Firma Hupfeld erbaut. Es ersetzt fünf bis sechs Mann aus der imaginären Kapelle und bewirkt durch sein Saugluft-System eine enorme Lautstärke. Ein anderes Orchestrion, gefertigt 1914 von der Firma Paul Lösche in Leipzig, beweist nicht nur die Spitzenstellung der Musikstadt Leipzig insbesondere zu jener Zeit um die Jahrhundertwende, sondern daß das Publikum bereits in jenen frühen Jahren Freude hatte an einem solchen Sinfonischen Jazz-Orchestrion.



Harmonium

Das Harmonium ist ein Tasten-Windinstrument mit ausschließlich freischwingenden, das bedeutet durchschlagenden Zungen. Diese Zungen werden genau in die Öffnung eines Rahmens eingepaßt, so daß sie beim Schwingen frei durch das Loch hindurchschlagen, ohne seine Ränder zu streifen; aber auch ohne eine Spalte oder einen Zwischenraum zu lassen. Die Tätigkeit der Zunge ist nicht die Tonerzeugung durch eigenes Schwingen, sondern, wie bei der Sirene, durch die periodische Unterbrechung eines Luftstroms gegeben, der vom Gebläse her in eine Kanzelle strömt und durch den Zungenrahmen den Weg ins Freie sucht. Von der Länge, Dicke und Elastizität der Zunge hängt die Frequenz der Stromunterbrechung, also die Tonhöhe und - bis zu einem gewissen Grade - die Klangfarbe ab. Das Harmonium gehört zur Gruppe der Aerophone.

Es ist das große Verdienst des Parisers Auguste Debain, alle jene Versuche mit seinem Harmonium von 1840 zu einem gewissen Abschluß gebracht zu haben. Mit jenem Jahr sind Wesen und Name des Instruments festgestellt. Die Nachfolger fanden am Prinzip kaum etwas zu ändern, sie verbesserten Einzelheiten, erleichterten den Gebläseantrieb und den Tastengang, vermehrten die Zahl der klingenden Stimmen und glichen die Tongebung aus. Debain stellte noch 1843 selbst einen mißlichen Umstand ab, die schwierige Regelung der Luftzufuhr. Er stellte die Expression dadurch wieder her, indem er durch einen Hilfszug den Magazinbalg verschloß und den Wind aus den Schöpfbälgen unmittelbar in die Kanzellen gelangen ließ. Auf diese Weise wurden den Füßen des Spielers eine augenblickliche Regelung der Zufuhr und eine außerordentliche dynamische Abschattierung des einzelnen Tones ermöglicht.



Spezialform Physharmonika

Gegen 1835 hatte Friedrich Buschmann in Hamburg eine Physharmonika gebaut. Etwas gleichzeitig sollte ein Mechaniker bei Alexandre in Paris das neue System erdacht und nach einigen Fehlschlägen in seine neue amerikanische Heimat mitgenommen haben. Von dort hat es in der Gestalt, die ihm 1856 Estey in Brattleboro und 1861 Mason & Hamlin in Boston gaben, seinen Siegeslauf angetreten. In Deutschland stellte zuerst 1889 der Schwede Thomas Mannborg in Borna / Sachsen solche Saugluft-Harmonien her. Trotz aller Verbesserungen, trotz aller Fortschritte, die das Harmonium dank der Meisterschaft und Ausdauer seiner Erbauer innerhalb eines einzigen Jahrhunderts gemacht hatte, haftete ihm zu jeder Zeit etwas Halbes, Unbefriedigendes an. Es steht dem Wesen der Orgel so nahe, daß der Unterschied, will man es einmal negativ formulieren, mit dem zähen, klebrigen Ton, der mangelhaften Präzision der Ansprache, die bei aller Vielheit der Register recht einförmige Klangfarbe, doppelt fühlbar wird. Das wirklich Unterscheidende aber, die Expression, nähert das Harmonium den Blasinstrumenten zu sehr, um nicht auch auf dieser Seite den Abstand besonders deutlich zu machen. Halbheit hier wie dort - und so kommt das Instrument über ein erklägliches Nachahmen nicht hinaus.

Seine eigentliche Bedeutung lag und liegt, abzusehen an den dennoch hohen Verkaufszahlen im vergangenen Jahrhundert, in der hervorragenden Möglichkeit, mit nur sehr geringer Spielfertigkeit höchst weihevolle oder sentimentale Wirkungen auszulösen, die dem Klavierdilettanten versagt sein müssen. Das Instrument veredelt damit durchaus das Repertorium der Hausmusik und stärkt in gewisser Weise sogar den Klangsinn fördert. Und es ist ein durchaus brauchbares Instrument bei einem recht niedrigen Preis.

An der Wende zum 19. Jahrhundert tauchen in zahlreichen musikalischen Großstädten wie Stockholm, Kopenhagen, St. Petersburg, Paris und in vielen Orten Deutschlands Versuche mit Durchschlagszungen auf. Physiker, Organisten, Orgelbauer, Mechaniker und Dilettanten reden, schreiben, bauen und experimentieren. Es scheint, als wäre die ganze Welt an der Entwicklung dieses wichtigen Tonerzeugers beteiligt oder würde zumindest zuschauen. Auch von Harmoniums gibt es in der Ausstellung einige Exponate.



Phonola

Neben dem Harmonium befindet sich eine Phonola, die ebenfalls von der Firma Hupfeld gefertigt wurde (Baujahr 1920), und welche das Volkslied "Der Vugelbeerboam" ganz entzückend spielt. Dieses Orgelklavier ist ein Saitenklavier mit einem Orgelwerk, derart verbunden, daß der Schüler mittels eines Pedaltritts das Gebläse speist und durch ein anderes Pedal oder Knieregister die Orgel beliebig ein- und ausschalten kann. Das System ist recht alt. Van der Straaten berichtete schon von zwei Clabiorganos, die 1480 im Besitz des spanischen Kammerherrn Sancho de Paredes waren. Doch selbst wenn hier der Name trügen sollte, aus dem Jahre 1579 ist bereits ein Exemplar erhalten, das sich im Londoner Victoria and Albert Museum befindet. Die aus der gleichen Zeit überkommenen Inventare und Berichte (für Deutschland belegt ab 1492, vgl. Hans Joachim Moser, Paul Hofhaimer, Stuttgart 1929) beweisen die damals außerordentliche Beliebtheit des Bastards. In der Folge tritt das Klavierorganum etwas in den Hintergrund, erlebt aber vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine Nachblüte. Schon um 1790 muß die Nachfrage so groß gewesen sein, daß der Instrumentenhändler und Musikredakteur Ludwig Rellstab in Berlin seiner Ankündigung von Klavieren den Satz anhängt, "Wer Flöten durch den Diskant zu allen diesen Clavier -Instrumenten haben will, bezahlt dafür 40 Rthlr" (Journal für Fabrik, Manufaktur und Handlung, Berlin 1792, Band III, S- 249). Noch 1802 werden -in Berlin für alle Klaviere der Art "Flöten durch den Diskant" für 30 oder "bis groß C) für 90 Louisd'or angeboten (vgl. F. Krünitz, Manufaktur - und Fabriken -Kabinett mit Darstellung sämtlicher Berliner Taxen, Berlin 1802, S. 143.)



Drehorgeln

Etwa seit dem Ende des 17. Jahrhunderts wurden zum Anlernen der Vögel kleine Vogelorgeln gebaut. Dies waren Portative mit nur wenigen Labialpfeifen, einer Stiftwalze und einem Kurbelantrieb für deren Ventile und das Gebläse. Meist hatten sie ein einziges Register im 2' Ton, seltener zwei oder drei im 2'-, 4'- und 8'-Ton. In diesem Fall nannte man sie in Frankreich Serinette-Pionne. Zur Nachahmung des Amselrufes wurden etwas kräftigere Instrumente wie die französischen Merlines hergestellt. Daraus entstanden Anfang des 18. Jahrhunderts die größere, an gemischten Stimmen reichere Drehorgel. Diese wurde teils mit Lochscheiben statt der Walze und mit Zungen statt der Pfeifen konstruiert. In ihrer französischen Bezeichnung Orgue de Barbarie lebt der Name ihres Schöpfers beziehungsweise eines ihrer ersten Verfertigers, des Modenesers Giovanni Barberi (um 1700) fort. Die volkstümliche norddeutsche Benennung Leierkasten ist darauf zurückzuführen, daß die Drehorgel als Bettlerinstrument die Nachfolgerin der Drehleier ist, und daß die Vulgärsprache für Drehen gleich Leiern gesetzt hatte.

Leierkastenmusik authentischster Art, also vorzustellen für den Hinterhof, führt denn auch Frau Hüttel auf dem ausgestellten Instrument vor. Das von der Firma A. Holl & Sohn in Berlin gefertigte Liebhaberstück soll - das ist außerordentlich glaubhaft - für eine immense Stimmung während der Führungen sorgen.

Im übrigen ist es auch die Drehorgel, welche Familie Hüttel über die Grenzen des Landes bekannt machte. Im Turnus von drei Jahren begibt man sich zum Drehorgelfest und stellt sich der Konkurrenz. Zahlreiche Urkunden zeugen vom guten Abschneiden der Wohlhausener.



Flötenuhren

Die Flötenuhren sind mit den Drehorgeln eng verwandt, haben aber statt des Handantriebs mit Kurbel ein Uhrwerk. Wie die kleinen Vogelorgeln bevorzugen sie die höheren Tonlagen, sind gewöhnlich in zwei Stimmen, Gedackt 4’ und Offen 2', angeordnet und vermeiden die schreiende Mixtur der Straßenorgeln. Solche Spieluhren waren bereits im 16. Jahrhundert bekannt (vgl. F. Roth, Der große .4ugsburger Spieluhrprozeß Hans Leo Hasslers, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 14. Jg., 1912, S. 34f.). In ihrer Glanzzeit, in den Jahren zwischen 1770 und 1860, die für den Musikhistoriker mit dem Wirken der Wehrle im Schwarzwald anhebt, wurden sie in allen Größen selbständig hergestellt, besonders gern aber in wirkliche Uhren eingebaut und dort alle Stunden vom Schlagwerk ausgelöst.

Wie bekannt, stammen die Flötenuhren zum Teil von der chinesischen Mundorgel seng ab, wie sie gegen Mitte des 18. Jahrhunderts in St. Petersburg bekannt waren. Der dortige Kammermusikus Johann Wilde, der auch als Erfinder der Nagelgeige gilt, lernte die "liebliche Chineser Orgel spielen" (Curt Sachs, Handbuch der Instrumentenkunde, 2. Auflage, Leipzig 1930, S. 389). In Petersburg führte dann auch der Orgelbauer Kirschnigk auf Anregung des Kopenhagener Professors Kratzenstein die exotische Zunge in das Orgelklavier ein.

Eine entzückende Abart der Flötenuhren sind die kleinen Spielwerke, die - oft mit größter Meisterschaft - singende und zwitschernde Vögel in naturgetreuer Nachbildung mit den entsprechenden Kopf-, Schnabel- und Flügelbewegungen geben. Da die gewöhnliche Flötenuhr mit ihren Pfeifenreihen die feinen Gleittöne des Vogelschlages nicht erzeugen könnte, werden hier Stempelpfeifen verwendet. Das Uhrwerk betätigt einen Kolben, der den Stempel je nach der verlangten Tonhöhe mehr oder minder tief in die Pfeife hineintreibt und dadurch ihre akustisch wirksame Lage verändert. Bei Familie Hüttel gibt es zwar keine zwitschernden Vögelkopien, jedoch eine sehr gut erhaltene Flötenuhr. Es ist das älteste Exponat der Sammlung und stammt aus dem Jahre 1839. Die Holzwalze aus dem Schwarzwald hat acht Melodien auf Lager, welche durch das Flötenwerk abgespult wird.



Große Konzertorgel

Am imposantesten sehen die Konzertorgeln aus, welche naturgemäß den größten Raum in der Ausstellung einnehmen. Das größte Gerät, eine Dresdner Konzertorgel, hat 300 Pfeifen, dazu Schlagwerke und Becken, und wurde liebevoll von Hüttels auf Vordermann gebracht. Erst seit 1986 ist es wieder original anzuhören. Man hatte das Instrument in Magdeburg ausfindig gemacht, aber ursprünglich, so fanden Hüttels heraus, begleitete die Konzertorgel "Fr. Wrede, Hannover" über Jahrzehnte das Kreisen des Riesenrades auf der Dresdner Vogelwiese an der Elbe. Das ist so immens laut, daß sicher den Nachbarn jedesmal die Ohren klingen werden. Und dann hat das gute Stück auch noch ein Riesen-Repertoire von vier Stunden Spieldauer!



Die Wende

Hatte man sich in der DDR daran gewöhnt, daß man einigermaßen über die Runden kam, nicht zu üppig, nicht zu karg, so brachte die politische Wende 1989 viel Neues. Bislang war es so, daß es Absprachen mit den Parteivorsitzenden gab, welche die Instrumente als Volkseigentum deklarieren und der Öffentlichkeit sichtbar und auch nutzbar machen wollten. Die große Chance, das Privatmuseum nach eigenen Ansichten zu strukturieren, kam nach der politischen Wende.

Familie Hüttel ist rund um die Uhr für das Museum da. Sie führen Gespräche mit Vertretern, welche die Einrichtung auf den Touristikmessen und -börsen publik machen sollen. In Hotels und Pensionen hängen entsprechende Hinweise aus. Natürlich wurden sie auch mit der Situation konfrontiert, daß sie die Ausstellung eigentlich unter den Schutz der Landesregierung stellen sollten. Doch sie dankten ab; finanziell hätte sich nichts verändert, nur hätten sie jegliche Veränderung am Interieur sofort melden und begutachten lassen müssen. Und das war ihnen, die sich als eine der ersten nach der Wende einen Gewerbeschein ausstellen lassen hatten, doch zu viel.

Man erinnere sich: Oft wurde der DDR-Bevölkerung die Sowjetunion als Vorbild dargestellt. Doch anders als in Deutschland gab es dort noch viel stärkere Einschränkungen und Doktrinen mit mechanischen wie auch elektronischen Musikwerkinstrumenten.



Russische Spezial-Instrumente machen Konkurrenz: Das elektronische Harmonium

1924 baute der Ingenieur S. Rshewkin im Staatsinstitut für Musikwissenschaft ein elektrisches Harmonium, das vierstimmig über eine Klaviatur zu spielen war. Ende der 1920er Jahre konstruierte der Ingenieur N. Ananjew das Griffbrettinstrument Sonar. Etwas später schufen Andrej Wolodin und K. Kowalskij das einstimmige elektronische Instrument Ekwodin, das sich ebenfalls mit Hilfe eines Griffbretts spielen läßt. Er perfektioniert es mit einer Klaviatur und erregt damit 1958 bei der Brüsseler Weltausstellung großes Aufsehen. Systematischer arbeiteten A. Iwanow und A. Rimskij-Korsakow seit 1933 zuerst im Forschungsinstitut der Musikinstrumentenindustrie, dann im Forschungsinstitut für Theater und Musik. So entstand das Emiriton, für dessen primitiven Prototyp Rimskij-Korsakow schon einige Stücke und 1932 ein Oktett mit zwei Klarinetten, Fagott, Geige, Bratsche, Cello und zwei Emiritons komponierte. Nach der kriegsbedingten Unterbrechung setzte man die Arbeit 1944 im Konstruktionsbüro für Elektromusikinstrumente fort, das dem Komitee für Kunstangelegenheiten beim Rat der Volkskomissare der UdSSR Unterstand. Im November 1947 versuchte das Komitee, durch eine Anordnung das Emiriton in die Konzertpraxis einzufahren. Zwei Jahre darauf aber schloß eine höhere Dienststelle das Konstruktionsbüro, und die zwölf bereits fertigen Instrumente "gingen verloren", wie sich Augenzeugen behutsam und vorsichtig ausdrückten.

Doch unverdrossen baute der Konstrukteur Iwanow bei sich zu Hause ein neues Modell, mit dem die Unionsgesellschaft zur Verbreitung politischer und wissenschaftlicher Kenntnisse ihn 1951-1952 auf Konzertreisen durch die größten Städte des Landes schickte. Doch die für musikalische Fragen zuständigen Persönlichkeiten erschienen nicht oder hemmten die Vorspiele. Die Presse entrüstete sich. Doch dabei benutzten längst ernsthafte Komponisten Instrumente wie das Emiriton und andere elektronische Musikinstrumente. Für Filmpartituren waren beispielsweise Dmitri Schostakowitsch und G. Popow zu nennen, für Solostimmen unter anderem R. Glier und R. Merwolf. Man bildete an den Konservatorien Leningrad und Moskau sogar Klassen für die Interpretation auf diesen Instrumenten.



Das elektromusikalische Tasteninstrument

Die Versuche gingen weiter. Bei der Ersten Allrussischen Ausstellung für das Schaffen der Studenten an den Lehranstalten der Hauptverwaltung für Technische Bildung beim Ministerrat der RFSFR, die im Juli 1960 in Moskau begann, zeigte man ein einstimmiges elektromusikalisches Tasteninstrument, das mit einem Plattenspieler gekoppelt war und den Namen Elektrolina führt.



Der Harmoniumflügel

Ein ebenfalls 1960 konstruierter Hannoniumflügel von P. Woronzew ist ein elektroakustisches Klavier mit zuschaltbaren Klangfarben. Weitere neue Musikgeräte entstanden um diese Zeit wie ein elektronisches Kammertonpiano oder das fünf Oktaven umfassende Kristadin, das mit Halbleitern arbeitete. Auch erfand man ein elektronisches Glockenspiel. Solche Instrumente dienten zunehmend der angewandten Musik für Film, Fernsehen und Rundfunk. So benutzte sie etwa R. Ledenew im Jahre 1962 in dem satirischen utopischen Hörspiel Die Sternentagebücher des Ijon Tichij nach einer Erzählung von Stanislaw Lem.

Russische elektronische Instrumente: Fazit ohne Ausblick

Diese Experimente der elektronischen und auch konkreten Musik, wie sie durch die Musikwerkinstrumente vorgestellt wurden, bedürfen und bedurften des Erfindersinns der Ingenieure, der Maschinen und des elektrischen Stroms. Man denke nur daran, wie Lenin mit seinem Zitat "Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes", aus Industrie und Technik eine Art Mythos machte. Seither ist die Faszination durch die Apparatur und der bedingungslose Glaube an den technischen Fortschritt eher stärker geworden. Die Musikmaschine im weitesten Sinne ist eine industrielle Großtat. Dabei war es eher nebensächlich, daß die Maschine vielleicht unerwartete künstlerische Folgen haben könnte - allein der Apparat ist der Bewunderung wert.



Schöne Aussichten

Familie Hüttel ist optimistisch, die Besucherzahlen steigen sanft nach oben (was sicher auch dem unermüdlichen Einsatz der Betreiber zu danken ist, denn wo gibt es schon ein Museum oder eine Ausstellung, die rund um die Uhr, Feiertags wie wochentags geöffnet hat?) und es gibt Angebote von nah und fern. Sie versuchen, weiterhin so unermüdlich auszustellen wie bisher, gelegentlich etwas anzukaufen oder etwas abzustoßen. Besucher von nah und fern sollen sensibilisiert werden für diese Instrumente. So sind Besucher aus dem Ausland nichts Außergewöhnliches mehr, nur jene Familie aus Neuseeland hat ob ihrer Herkunft für Furore gesorgt.

Wie auch immer diese fantastischen Instrumente heißen, ob Aeolodikon, eine neue Physharmonika, Glasharmonika, Klavizylinder oder Aeolsharfe, alle waren zu ihrer Zeit stark en vogue. Und doch sucht auch gerade das Publikum von heute wieder jene "tief eingreifende Wirkung", es ist verliebt in das "Romantisch - Übersinnliche des aus dem Nichts hervorwachsenden, in das Nichts abschwellenden Tons", in jene Körperlosigkeit, die weder ein elektronisches noch ein handgespieltes Instrument geben können.


Dr. phil. Mag. phil. Beate Hiltner-Hennenberg